Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik – Teil 2 der Café Reihe

Dies ist die zweite Folge der Café-Serie, einer Unterhaltung, die einen zeitgenössischen Sokrates und eine Gruppe von Freunden entlang verschiedener Fragen zum großen Thema der Möglichkeit der Rechtfertigung menschlicher Existenz in Angesicht seiner Zerstörungswut gegen sich selbst, andere und die Natur führt.



Wir springen direkt wieder in das Gespräch an dem Punkt, an dem wir es zuletzt verlassen haben.


Tom [nachdenklich]: Nun gut, kann schon sein. Aber was stimmt denn dann – wäre es gut für uns, damit aufzuhören, die Nachrichten zu verfolgen? Das interessiert mich jetzt auch ziemlich! Sollten wir unsere Aufmerksamkeit weg von der Welt lenken? Und was würde daraus folgen?


Sokrates: Das sind eine Menge Fragen, Tom. Sag‘ du mir: Was denkst du darüber?


Tom: Nun, ich bin mir nicht sicher, ehrlich gesagt. Ich hab‘ auch schon öfters mitbekommen, dass es Em ziemlich fertig macht. Sie erzählt mir oft etwas über die aktuellste Katastrophe, die passiert ist, oder irgendeine Ungerechtigkeit in der Welt, und sie scheint dann immer so, na ja, entmutigt, würde ich sagen? Und ja klar, meine Laune hebt das auch nicht unbedingt, wenn ich mal wieder viel Zeit damit verbracht hab‘, irgendwas über ein Unglück zu lesen oder irgendeine emotional aufgeheizte politische Sache. Jetzt, da ich etwas mehr darüber nachdenke, da scheint es mir auch eigentlich besser zu sein, sich von dem Ganzen fernzuhalten.


Em [freut sich]: Ja, genau, danke!


Sokrates: Das ist schon nachvollziehbar, ja. Dennoch, Tom, beantworte mir folgendes: Wünscht du dir, dass die Dinge, über die du und Emmelie und Annabelle gesprochen habt, gelöst werden? Das soll heißen, sind sie dir wirklich wichtig?


Tom: Natürlich sind sie das, ja! Wer würde sich das nicht wünschen?


Sokrates: Meinst du nicht, dass du, wenn du den Nachrichten keine Aufmerksamkeit mehr schenken würdest, eigentlich ausdrücken würdest, dass du nicht willst, dass diese Probleme gelöst werden?


Tom [verwirrt]: Was? Nein, das hab’ ich ja gar nicht gesagt. Die Sachen sind mir total wichtig!


Em [mit einem Seufzer]: Ha, here we go again! Pass‘ auf, er wird dich nur aufs Glatteis führen und du wirst dich bescheuert fühlen, Tom! [wendet sich ihrem Handy zu und fängt an, zu scrollen]


Sokrates [beschwichtigend]: Das ist nicht mein Ziel, Tom. Ist es in Ordnung für dich, wenn ich dir noch ein paar Fragen stelle, die erklären, was ich genau meine?


Tom [misstrauisch]: Na gut, ja. Schieß‘ los.


Emmelie schüttelt ungläubig den Kopf und widmet sich nun völlig den Inhalten auf ihrem Handy.


Sokrates: Danke dir. Auf geht’s, das wird relativ einfach eigentlich: Wenn du auf eine Sache nicht mehr achtest, hört sie dann auf zu existieren?


Tommy: Hmm, nein, ich denke nicht. Was soll das denn überhaupt bedeuten?


Sokrates: Angenommen, du hast ein Bett zu Hause stehen. Ich nehme mal an, du besitzt eins? [Tom nickt, mit hochgezogenen Augenbrauen, offensichtlich die geistige Gesundheit seines Gegenübers bezweifelnd]. Nun, was wäre, wenn du nicht mehr auf dein Bett achten würdest, wäre es immer noch da? Sagen wir mal, für eine Woche?


Tom: Klar wäre es noch da, was für eine bescheuerte Frage.


Sokrates: Also sind wir darin übereingekommen, dass Dinge nicht verschwinden, wenn wir sie ignorieren. Wunderbar. Sie bleiben. Weiter, was genau würde passieren mit deinem Bett, wenn du für eine Woche nicht darauf achten würdest?


Tom: Nichts natürlich. Es würde ja nur da rumstehen, oder? [schaut die anderen fragend an]


Annabella hört weiter der Unterhaltung zu, und schaut Tom ermutigend an, während Emmelie weiter auf ihr Handy schaut. Hugh sitzt still in der Ecke, und trinkt von seinem Iced Latte.


Sokrates: Vielleicht hast du recht, nichts besonderes würde in einer Woche mit dem Bett passieren. Aber würde sich nicht etwas Staub darauf absetzen?


Tom: Ja, klar, das schon. Aber was tut das zur Sache?


Sokrates: Der Staub auf deinem Bett, würde er dein Bett besser oder schlechter machen?


Tom: Weder noch! Ist ja nur ein wenig Staub!


Sokrates: Ja, aber sag‘ mir: Würdest du dich lieber oder weniger gern drauflegen als vorher?


Tom: Lieber, denn deinem Szenario zufolge habe ich ja eine ganze Woche nicht geschlafen! [lacht herzhaft]


Sokrates [lacht mit ihm]: Gut, gut, ich war wohl nicht so besonders sorgfältig mit meinen Worten. Lass‘ uns noch mit einbeziehen, was sonst noch in der Woche passieren würde. Wenn du nicht auf dein Bett achten würdest, dich nicht darum kümmern würdest, was würdest du sagen, würde zusätzlich damit passieren, außer dass ein paar tote Hautzellen sich darauf niederlassen würden?


Tom: Nun, wenn wir das ganze so ernst nehmen: Normalerweise ist schon ein Tag genug Zeit, dass ich ein paar getragene Klamotten drauf schmeiße. Und wenn ich echt nicht darauf achten würde, nicht hinsehen, dann würde ich wohl ne Menge Sachen drauftun. Und Em wohl auch! [schaut zu ihr rüber, und sie schaut kurz von ihrem Bildschirm auf] Ich versteh’ aber immer noch nicht, worum es dir die ganze Zeit eigentlich geht. Du hast echt Glück, dass wir so viel Zeit haben heute.


Sokrates: Gut, das versteh‘ ich. Aber sag‘ mir noch: würde das dein Bett dann besser machen?


Tom: Weder noch, denn wie könnten ein paar Klamotten ein Bett besser oder schlechter machen?


Sokrates: Gute Erwiderung. Was ich aber meine ist, ob du, nachdem du und andere für eine Woche dreckige Klamotten und anderes Zeugs auf dein Bett geschmissen habt, dich im Vergleich zur Vorwoche lieber oder weniger gern darauf legen würdest?


Tom: Ich würde wohl vermutlich bei Em schlafen! [lacht auf] Aber ja, gut, ich würde schon weniger gern drauf liegen als vorher.


Sokrates: Wunderbar, dann können wir weitermachen. Wir haben festgestellt, dass, wenn man etwas keine Aufmerksamkeit schenkt, es sicherlich schlechter wird, und das ist noch mehr der Fall, wenn eine andere Person dabei mitmacht. Und weder verschwindet es als Sache noch bleibt es dieselbe, ganz im Gegenteil: es zerfällt gewissermaßen. Stimmst du mir zu?


Tom: So scheint es zu sein, nach allem, was du und ich gesagt haben, ja.


Sokrates: Und würdest du sagen, dass du in dieser Woche für dein Bett gesorgt hast, oder es vernachlässigt hast?


Tom: Natürlich habe ich es vernachlässigt, ja. Aber das ist ja völlig klar! Wo soll das denn noch hinführen, komm‘ mal zur Sache jetzt, Sokrates!


Sokrates: Nur Geduld, alles zu seiner Zeit, Tom. Wir sind ja schon fast da. Lass‘ uns dieses einfache Beispiel als Analogie verwenden für die Frage, mit der wir begonnen haben: Angenommen, du würdest einem der Themen, die wir erwähnt hatten, etwa dem Klimawandel oder der Art und Weise, wie Leute heutzutage miteinander online umgehen, keine Aufmerksamkeit schenken. Stimmt du zu, dass dafür dann das gleiche gelten würde wie für dein Bett in den Beispiel? Dass, wenn du dem keine Aufmerksamkeit zukommen ließest, dich sogar weigern würdest, sie zu sehen, dass diese Dinge dann weder gleich bleiben, noch verschwinden würden, sondern nur schlechter werden können?


Tom: Nun ja, nicht unbedingt, andere Leute könnten ja was gegen die Probleme machen.


Sokrates: Aber erinnere dich, oder frage Emmelie – sie wird sich sicher erinnern, dass wir vorhin bereits festgestellt hatten, dass man, will man logisch konsistent bleiben, das für sich selbst Gute auch für das Gute für andere Menschen halten muss, und von allen wollen muss, dies zu tun. Das ist so wie wenn Emmelie dir ihre Klamotten aufs Bett schmeißt, nur in größerem Maßstab.


Tom: Ja, gut, ich denke schon, die Sachen würden davon, dass ich wegschaue, auf jeden Fall nicht besser werden. Aber doch nur ein bisschen.


Sokrates: Du hast Recht, es mag sein, dass sich nur ein wenig extra Staub in der Zwischenzeit absetzt oder ein oder zwei T-Shirts auf deinem Bett landen. Dennoch würde sich der Zustand verschlechtern. Kannst du nun verstehen, dass ich hinterfragt habe, ob dir die Dinge wirklich wichtig sind, über die ihr euch alle vorhin so sehr erregt habt?


Tom [nach langer Pause]: Ja, jetzt schon. [ein wenig Rot erscheint auf seinen Wangen, und er wird still]


Hugh [leise, kaum zu vernehmen]: Wenn aber niemand mehr miteinander sprechen würde, also online, dann würde es gar nicht... [wird unterbrochen]


Ann [mit lauter Stimme]: Ja, gut, aber so einfach ist das doch nicht, Sokrates! Du hast gerade vom Klimawandel gesprochen! Selbst wenn wir uns dazu zwingen würden, den ganzen Schmerz auf uns zu nehmen und ständig all diese furchtbaren Nachrichten mitzuverfolgen, selbst dann könnten wir doch nichts dagegen unternehmen! Unser kleines Beispiel von dem Bett ist ja mal überhaupt nicht darauf anwendbar, das ist doch völlig außerhalb unserer Kontrolle! Die ganzen Politiker, die an der Macht sind, scheren sich doch gar nicht darum, egoistische Arschlöcher, die sie sind, und wir hier sollen uns also weiterhin reinziehen, wie eine Art nach der Anderen ausstirbt oder irgendein Land mal wieder in sintflutartigen Niederschlägen untergeht! [hebt die Stimme noch, gestikulierend] Und du willst uns wahrscheinlich auch noch dreisterweise erklären, dass wir verpflichtet dazu sind, unsere eigenen Handlungen peinlich genau durch einen Filter der Nachhaltigkeit zu jagen, während es die Reichen und Mächtigen einen Scheißdreck interessiert, was sie tun?! Es spielt halt einfach nicht mal mehr eine Rolle, ob wir noch hinschauen, Mann, und dein Herumphilosophieren ist auch völlig bedeutungslos. Da können wir auch gleich aufhören, uns unsere mentale Gesundheit zu zerstören und einfach den ganzen depressiv machenden Scheiß ausschalten und unsere Leben leben! Wach‘ auf, verdammt noch mal!


Auf diesem Höhepunkt der Emotion verlassen wir die Szene für heute, denn auch Sokrates hat es für einen Moment die Sprache verschlagen.



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